Bürger machen Politik. Schriftenreihe erschienen

schrift1Bürger machen Politik – dieser für unser heutiges Gemeinwesen so selbstverständliche Satz hat in Potsdam erst seit 200 Jahren Gültigkeit, denn erst 1809 fanden in der damaligen Residenzstadt die ersten Wahlen zur Potsdamer Stadtverordnetenversammlung statt. Dieses historische Datum war dem Förderverein des Potsdam-Museums e.V. Anlass genug, eine Publikation zum politischen Engagement von Potsdamer Bürgerinnen und Bürgern in den letzten beiden Jahrhunderten herauszugeben. 

Den Anfang des historischen Streifzugs durch 200 Jahre Potsdamer Kommunalpolitik macht im Heft die Historikerin Silke Kamp, die in ihrem Aufsatz schildert, wie es zur ersten Wahl der Potsdamer Stadtverordneten kam. Die Vorgeschichte der Selbstverwaltung begann demnach bereits im Jahr 1806, als in Potsdam aus der Not der französischen Besatzungsmacht heraus ein Bürgerkomitee gegründet wurde. Zwei Jahre später, im November des Jahres 1808, wurde von König Friedrich Wilhelm III. auf der Grundlage der sog. Stein-Hardenbergschen Reformen die Städteordnung erlassen; im März des darauffolgenden Jahres fand die erste Wahl der Potsdamer Stadtverordneten statt. Silke Kamp macht in ihrem Beitrag vor allem deutlich, dass die neugewonnene Freiheit durch die Selbstverwaltung der Bürger – neben den ermutigenden Ansätzen für ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein – auch ihre Schattenseite hatte. So waren nur knapp 65 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner aufgrund ihres Bürgerrechts wahlberechtigt, und auch die gewählten Bürgervertreter waren keineswegs völlig frei in ihrer Entscheidung, wie die massive Einflussnahme des preußischen Königs bei der Oberbürgermeisterwahl im Jahr 1809 beweist.

Markus Wicke und Frank Reich geben in ihrem kurzen Essay einen Abriss über die Geschichte der Stadtverordnetenwahlen in Potsdam nach dem Ende der Monarchie bis zum 1933, in dem die Stadtverordnetenversammlung aufgelöst wurde.

Dass es in Potsdam trotz der nationalsozialistischen Diktatur aufrechte Bürger gab, die sich ihre Meinung nicht haben verbieten lassen, macht der Aufsatz der Historiker Peter Riedel und Benjamin Gallin deutlich, die den Lebensweg des Potsdamer Katholiken und Reichsarchivrates Karl Heinrich Schäfer nachzeichnen. Der im Jahr 1871 in Wetter in Hessen geborene Schäfer war von 1896 bis 1899 in der Familie des bekannten Bornstedter Pfarrers Dr. Karl Pietschker und dessen Frau Käthe, geborene von Siemens, als Hauslehrer tätig. Erst 1921 kam der im Jahr 1902 zum Katholizismus konvertierte Theologe und Historiker wieder nach Potsdam, da er zum Reichsarchivrat berufen wurde. Seine Wirkungsstätte war das im Jahr 1919 auf dem Potsdamer Brauhaus gegründete Reichsarchiv. Der darüber hinaus ehrenamtlich in mehreren Potsdamer Vereinen und der katholischen Pfarrgemeinde St. Peter und Paul tätige Schäfer kandidierte für die katholische Partei Zentrum selbst zum Stadtrat und tat sich in der bürgerlichen Öffentlichkeit vor allem durch seine lokalhistorischen Veröffentlichungen hervor. Die im Jahr 1933 zur Macht gelangten Nationalsozialisten behinderten die Arbeit von Karl Heinrich Schäfer massiv. Auf der Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde Schäfer am 22. Mai 1934 noch vor Erreichen des Pensionsalters in den Ruhestand versetzt, seine politischen Ansichten und sein Forschungsinteresse widersprachen den Interessen des neuen Regimes. Trotz dieses jähen Abbruchs seiner Berufskarriere publizierte er weiter, sehr zum Missfallen der Reichsschrifttumskammer, die das Erscheinen einer ihm zu Ehren geplanten Festschrift verhinderte. 1942 fielen er und seine Frau einer Denunziation einer Hausangestellten zum Opfer, sie wurden inhaftiert. Während seine Frau wieder entlassen wurde, überstellte man Karl Heinrich Schäfer schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er am 29. Januar 1945 starb.

Der Potsdamer Historiker Thomas Wernicke weist in seinem Aufsatz auf ein weiteres Kapitel politischer Einflussnahme von jenen Potsdamer Bürgerinnen und Bürgern hin, die im Dezember des Jahres 1989 durch ihren furchtlosen und mutigen Einsatz zur gewaltfreien Auflösung der Staatssicherheit in Potsdam beitrugen. Der Potsdamer Fotograf Frank Buschner hat die Besetzung der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in beeindruckenden Bildern festgehalten, die den Beitrag anschaulich illustrieren.

Am Ende des Heftes findet sich neben einem Nachruf auf unseren Kollegen und Freund Peter Herrmann eine Übersicht der bisher geleisteten Unterstützung des Fördervereins an das Potsdam-Museums in Form von Geldspenden, Ankäufe und Restaurierungen.

Zu dieser Publikation, die der Förderverein in den nächsten Jahren als Schriftenreihe fortsetzen möchte, haben eine Vielzahl von Förderern und Unterstützern beigetragen. Zuallererst dankte der Herausgeber Kulturland Brandenburg, den brandenburgischen Sparkassen gemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung sowie der Landeshauptstadt Potsdam für die finanzielle Förderung.

Darüber hinaus haben vor allem Susanne Stich, Verena Lewinski-Reuter, Dr. Eberhard Gerstädt und Hartmut Knitter zum Gelingen des Projektes beigetragen. Ein besonderer Dank gilt neben den bereits aufgeführten Autorinnen und Autoren dem Potsdam-Museum, hier vor allem Hannes Wittenberg sowie Frank Buschner, Monika Schulz-Fieguth und Elke Hübener-Lipkau für die zur Verfügung gestellten Fotos.

Die Schriftenreihe ist zum Preis von 9,90 Euro im „Internationalen Buch“ in der Brandenburger Str. / Ecke Friedrich-Ebert-Str. erhältlich.

Bestellungen per Post (zzgl. 1,50 € Versandgebühr) bitte über vorstand@fvpm.de

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